Stories of Migration and Deportation und ein unverhofftes Wiedersehen

Viel Zeit habe ich die letzten Tage damit verbracht, mich mit Bekannten hier in Sokodé darüber zu unterhalten, was Migration für die Leute hier bedeutet. Wie letztens schon mal angedeutet, ist die Unterstützung durch Angehörige im Ausland für ganz viele hier eine wesentliche Ressource, um über die Runden zu kommen. Es ist selbstverständlich, dass Leute, die weggehen, ihren Familien regelmäßig Geld schicken; einige MigrantInnen bauen auch Häuser in Sokodé, die von Angehörigen mitgenutzt werden. Viele Möglichkeiten, hier vor Ort Geld zu verdienen, gibt’s offenbar nicht. Ganz viel von dem, was das Leben von Familien hier sichert, wird von den Frauen geleistet: Landwirtschaft für den Eigenbedarf – das machen viele hier, obwohl, wir in der Stadt sind -, Kleinhandel auf dem Markt oder an der Straße, Holz schneiden im Wald und so gut wie alle Arbeit im Haus. Bei vielen Sachen müssen auch die Kinder, vor allem Mädchen, ranklotzen. Von den jungen Männern in Sokodé machen viele in Motorradttaxi. Einige Leute haben auch kleine Geschaefte und Handwerksbetriebe (Friseurlaeden, Schneidereien, Schreinereien, Werkstaetten…). Reich wird mensch von den allerwenigsten Sachen hier. Ohne die Rueckueberweisungen durch die MigrantInnen würde es vielen hier und der Stadt insgesamt mit Sicherheit noch deutlich schlechter gehen.

Nicht nur in Europa haben viele Leute den einen oder die andere von ihren Angehörigen, es gibt anscheinend auch ‘ne beträchtliche Migration von TogoerInnen in andere afrikanische Staaten, wo sich leichter Jobs finden lassen. Nach der Erzählung von einem Bekannten gehen zum Beispiel viele Leute nach Gabun (grenzt südlich an Kamerun), wo vor allem togoische Frauen als Hausangestellte bei betuchten Familien arbeiten. Selektive Migrationspolitik und Entrechtung durch Illegalisierung sind anscheinend auch dort nicht unbekannt: Eine Aufenthaltserlaubnis gibt’s nur gegen Geld, wer von den Bullen ohne gültige Papiere aufgegriffen wird, kann sich entweder freikaufen oder wird in den Knast gesteckt.

Ein unverhofftes Wiedersehen hatte ich mit einer Familie, mit der ich 2002 in München recht viel zu tun hatte. Die Leute wurden damals durch die Ausländerbehörde Dachau massiv mit Abschiebung bedroht und hatten keine andere Wahl als wegzugehen. Sie strandeten schließlich in Dänemark, von wo sie drei Jahre später nach Togo abgeschoben wurden. Ihre Situation hier in Sokodé ist echt mies. Richtig erschrocken bin ich darüber, dass sie alle, im Vergleich dazu, wie ich sie von München her kannte, richtig dünn geworden sind – aber sowas geht europäischen AbschiebebürokratInnen ja bekanntlich am Arsch vorbei. Trotz alledem war’s auch ein nettes und herzliches Wiedersehen und für die Kids der Familie (zwei kannte ich noch von damals, als sie noch richtig klein waren) und deren FreundInnen waren ich und meine Digitalkamera ‘ne willkommene Attraktion.

Bekannte von mir und ich haben den Plan gefasst, dass wir die Leute hier, die abgeschoben wurden und wieder hier sind – und das sind gar nicht wenige – zusammenbringen wollen. Wir wollen uns, wenn die Leute dran interessiert sind, drüber unterhalten, wie wir die Situation der Abgeschobenen politisch thematisieren können und welche Art der Unterstützung, sowohl von hier als auch von Europa aus, erwünscht und möglich ist. Sehr inspirierend für derartige Überlegungen finde ich, was bereits seit 1996 in Mali läuft: Dort haben sich Leute, die aus Frankreich abgeschoben wurden, in der “Association Malienne des Expulsés (A.M.E.)” organisiert. Sie leisten praktische Unterstützung füreinander und kämpfen für ihr Recht auf Migration und grenzenlose Bewegungsfreiheit und gegen die Abschiebekollaboration zwischen der französischen und der malischen Regierung (siehe: www.expulsesmaliens.org). Ein Freund und ich haben uns das heute im Internet ein bisschen angeschaut – mal sehen, was sich hier in Togo so machen lässt. Verdammt aufpassen müssen wir wohl oder übel, dass wir nicht Hoffnungen und Erwartungen wecken, die wir nicht erfüllen können – denn wir haben’s leider nicht in der Hand, die Abschiebungen rückgängig zu machen.

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Das ist die Angst, meine Familie durch die Abschiebung zu verlieren. Abschiebung bedutet: Familientrennung, Folter und sorgt für Albträume. - by morgenröte

Jugendliche ohne Grenzen